Gelesen: Die Verteidigung der Wahrheit

Der Einstieg von „Die Verteidigung der Wahrheit“ aus dem Hirzel Verlag ist – sperrig. Sokrates und die Philosophie dienen zur Hinleitung auf die Frage, was Realität ist. Inhaltlich ist alles nachvollziehbar, was Jonathan Rauch schreibt. Aber ich bezweifle, dass sich viele Leser*innen so tief in die Vergangenheit stürzen wollen, um die Gegenwart zu verstehen. Und dann der Begriff „Palimpsest“. Noch nie gehört? Ich auch nicht. Wikipedia sagt, es sind Manuskriptseiten, die gereinigt und neu beschrieben wurden. Das Buch scheint sich an die geistige Elite zu richten, denke ich, nachdem ich die erste Seite gelesen habe. Dabei wäre es doch so wichtig, das Thema einer breiten Masse zu erklären.

Cover: Die Verteidigung der Wahrheit
Cover: Die Verteidigung der Wahrheit

Aber: Haltet durch! Denn ab Seite 16 geht es erstmals um Journalismus. Und zwar um Journalismus in den USA, einem Land, das von einem Präsidenten geleitet wurde, der mehr oder weniger täglich gelogen hat. Und da wird’s richtig spannend. Rauch arbeitet hier mit Twitter-Zitaten oder Ausschnitten aus Zeitungsartikeln, dokumentarisch also. Übrigens: Als ob es nicht schon schlimm genug wäre, dass der Ex-Präsident der USA das Vertrauen in die Medien mit Desinformationskampagnen und Lügen erschüttert hat, lese ich derzeit überall, dass er erneut kandidieren will. Sein Sieg würde aus meiner Sicht in ein dunkles Kapitel der Menschheitsgeschichte nicht nur in den USA führen. Mögen also möglichst viele Menschen dieses Buch lesen, oder sich zumindest mit der Thematik beschäftigen. Nicht nur in den USA.

Nach diesem spannenden Teil wird „Die Verteidigung der Wahrheit“ wieder theoretischer. Doch auch dann gibt es immer wieder sehr spannende Einschübe. Beispielsweise zur Cancel Culture.

Die Sache mit der Cancel Culture in Verteidigung der Wahrheit

Niemand muss meinen, dass Presse- und Meinungsfreiheit nur von politisch rechter Seite eingeschränkt wird. Auch von links kommend gibt es Themen, die scheinbar nicht opportun sind. Rauch beschreibt in seinem Buch, dass Studierende und Professor*innen an US-amerikanischen Universitäten darum manche Themen wie Abstammung, Gender oder Politik gar nicht mehr ansprechen oder sich nicht an Diskussionen beteiligen, weil sie Angst davor haben, das „Falsche“ zu sagen oder falsche Begriffe zu nutzen. Sie zensieren sich also selbst, um von den anderen nicht mit beispielsweise Häme oder Beschimpfungen überzogen zu werden. Das nennt man Cancel Culture. Mit Demokratie und freigeistigen Diskussionen hat es nichts zu tun, wenn eine gesellschaftliche Gruppe ihre eigenen Regeln aufstellt. 

Mir fällt dazu die Sängerin mit den Rastazöpfen ein, die 2022 bei einer Veranstaltung von Fridays for Future singen sollte. Aufgrund ihrer Frisur, einer angeblich kulturellen Aneignung, wurde sie ausgeladen und bekam als Hinweis mit, sich die Haare schneiden zu lassen. Dann sei sie willkommen. Die Bestrafung einer Person beispielsweise durch ein Auftrittsverbot sieht Rauch als klares Beispiel für Cancel Culture.

Man muss nicht Mainstream sein

Mit der überall geförderten und gefordeten Diversity hat ein solches Verhalten wenig zu tun. Ebenso ist kulturelle Aneignung ein mehr als streitbarer Begriff. Neulich habe ich gelesen, dass eine junge Frau Humus mit Roter Beete oder Schokolade für kulturelle Aneignung hält und diese Varianten in Deutschland gerne verboten sähe. Da sage ich nur: Die arme Pizza! Sie hat sich weltweit weiterentwickelt und dadurch viele zusätzliche Freunde geschaffen. Ob Italiener jemals darüber so entsetzt wären, dass sie von kultureller Aneignung sprechen und ein Verbot der Sorten mit extra viel Käse im Rand, mit Döner oder Schokolade fordern würden? Ja, einige sicher. 

Gleiches gilt für Sushi. Auch hiervon gibt es eine US-amerikanische Variante, die schmeckt, auch wenn japanische Köche dabei oft die Augen verdrehen. Man kann es eben nicht jedem Recht machen. Das heißt aber nicht, dass man etwas falsch macht, wenn man seine eigene Meinung vertritt, und diese nicht dem Mainstream entspricht. Umfragen führen übrigens eine übertriebene political Correctness auf die Wahl von Donald Trump zum früheren US-Präsidenten zurück. Begründung: In der Wahlkabine, also unbeobachtet, hätten die Wähler ihrem Unmut über die politischen und gesellschaftlichen Normen Ausdruck verliehen, die nicht die ihren sind, so Rauch.

Warum glauben Bürger*innen an Fake News?

Die Menschheit hätte nicht so lange überlebt, wenn sie ständig alles glauben würde, was Lügner*innen ihr vorgeben, so Rauch. Ein tröstender Gedanke. Umso unverständlicher ist es jedoch, dass so viele Menschen auf Verschwörungstheorien hereinfallen, die schließlich nichts anderes als Fake News sind. Allerdings sind diese kein Gespinst der Neuzeit. Fake News gab es auch schon im Mittelalter. Sie wurden erstaunlicherweise erst einmal verstärkt durch den Buchdruck. Denn durch ihn bekamen wie auch heute breitere Schichten Zugang zu Informationen. Das ist grundsätzlich gut – wenn die Nutzer*innen über Medienkompetenz verfügen. Im Mittelalter jedoch wurden viele Tausend Menschen auf Grundlage des Hexenhammers ermordet. Das Buch wurde eben auch von vielen Menschen gelesen, die nicht in der Lage waren, den Inhalt einzuordnen. Selbst die spanische Inquisition hat es als ungeeignet eingeschätzt.

Ein Beispiel aus der Neuzeit: Wer glaubt, dass die US-Regierung hinter dem Terroranschlag vom 11. September 2001 steckt, der schadet sich persönlich nicht, so Rauch. Er oder sie kann aber vorgeben, zu einer besonders elitären Gruppierung zu gehören, die scheinbare Mechanismen durchschaut. Und fertig sind die Verschwörungstheoretiker. In diesen Zusammenhang passt, dass Rauch Experimente erwähnt, in denen Menschen bereit sind, sich tiefer mit einem Thema zu befassen, wenn sie dafür bezahlt werden. Und siehe da: Dann klappt es am Ende auch mit der richtige Antwort auf eine Frage, selbst wenn diese komplexer ist, als man sich das üblicherweise wünscht.

Soziale Medien und Fake News

Wer viel philosophische Theorie bis ungefähr Seite 200 gelesen und verstanden hat, wird mit ausgesprochen spannenden Kapiteln zu Twitter, Facebook und Wikipedia belohnt. Was ist der Unterschied zwischen Wikipedia und Facebook? Warum funktioniert das eine auf gesellschaftlichen Standards, das andere ist zum Beschleuniger für Fake News geworden? Welche Rolle spielen Likes und Retweets beim Kampf und Aufmerksamkeit? Und welche Möglichkeiten hätten die Plattformen, künftig näher an der Wahrheit zu sein? Auf alle diese Fragen gibt es verständliche Antworten in „Verteidigung der Wahrheit“.

Fazit: Ich habe ein Semester Philosophie studiert und danach das Fach gewechselt. Weil mir das alles zu theoretisch war. Ähnlich geht es mir mit dem ersten Teil des Buches. Der ist sicherlich so richtig und wichtig, aber für mich doch sehr abstrakt. Das mag auch daran liegen, dass die meisten Beispiele mit den USA zusammenhängen. Der amerikanische Bürgerkrieg ist für mich einfach weiter weg als die die Geschichte Europas. Die breite Masse wird man mit diesem Buch nicht erreichen. Und das ist schade, weil das Thema so wichtig ist. Aber: Alles in allem ist das ein gutes Buch, das viele Probleme der heutigen Kommunikationsmöglichkeiten näher beleuchtet

Der Verlag hat mir das PDF des Buches vorab zur Rezension überlassen.

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