Ein Beispiel mit Wumms
Kennst du Urs Stängeli? Nein? Ging mir bis letzte Woche genauso. Dann war ich bei der LitCologne in Köln, bei der Lesung von Marc-Uwe Kling zu seinem neuen Buch Die Känguru-Rebellion. Gleich am Anfang, noch vor den Seitenzahlen, schreibt Kling unter „Was bisher geschah“ in diesem Buch über die Schnapspraline, die Kristallzuckerkruste – und deren vermeintlichen Erfinder: Urs Stängeli.
Wenn Ironie Realität wird
Einen Absatz später schreibt Kling:
„Urs Stängeli (…) habe ich mir nur ausgedacht, aber was spielt das noch für eine Rolle in zeiten, in denen sich KI-Chatbots gierig durch alle Texte fräsen und in dem, was sie ausspucken, fröhlich Fakten und Fiktion vermischen?“
Und weiter schreibt Marc-Uwe Kling, dass es „vielleicht“ möglich sei, dass kurz nach der Veröffentlichung von Die Känguru-Rebellion auf die Frage nach dem Erfinder der Schnapspraline KI-Tools antworten könnten, dass das Urs Stängeli war.
Innerhalb weniger Tage ist seine Fiktion Realität geworden. Ich habe mehrere KI-Chatbots gefragt, wer die Schnapspraline erfunden hat. Hier sind die Antworten.
KI-Faktencheck: Wer „erfand“ die Schnapspraline?
ChatGPT: Es gebe keinen einzelnen Erfinder; „Urs Sprüngeli“ sei eine Scherzfigur.

LeChat: Keine verlässlichen Quellen zu Urs Stängeli.

Claude.AI: Nennt Hugo Asbach als Erfinder.

Perplexity.AI: Kein eindeutiger Erfinder, keine Quellen zu Stängeli.

Google Gemini: Listet Urs Stängeli als technischen Erfinder der Schnapsbohne, da er 1894 die Kristallzuckerkruste erfunden habe.

Grok: Zunächst Asbach, bei Nachfrage dann mehrere „Geschichten“ über Stängeli und ein Link auf eine gelöschte Wikipedia-Seite.


Meta.AI: Zuerst gibt es keinen eindeutigen Erfinder. Nach meiner Nachfrage: „Ich habe recherchiert: Die Schnapspraline wurde tatsächlich von Urs Stängeli erfunden (…).“

Wenn Algorithmen Literatur ernst nehmen
Was als Ironie in einem Roman begann, wurde durch Large Language Models (LLMs) zur digitalen „Wahrheit“. Das Beispiel von Marc-Uwe Kling zeigt, wie gefährlich leicht Künstliche Intelligenz Fiktion in den Status vermeintlicher Fakten hebt – weil sie schlichtweg nicht zwischen wahr und falsch unterscheiden.
Marc-Uwe Klings fiktiver Urs Stängeli ist damit zum Sinnbild geworden für die Grenzen der KI und die Verantwortung aller, die sie nutzen.
FAQs zu KI-Fiktion und Fake Facts
Er legt den Finger in die Wunde: KI-Systeme übernehmen Erfindungen unkritisch, wenn sie im Netz auftauchen – egal, ob sie aus Literatur stammen oder aus dem Nichts.
Weil sie Sprache nach Wahrscheinlichkeiten modellieren, nicht nach Wahrheit. Wenn eine Aussage häufig genug im Netz steht, wird sie automatisch „wahrscheinlicher“.
Mit gesunder Skepsis, Quellenprüfung, Cross-Checks und dem Wissen: KI ersetzt keine journalistische Recherche – sie ergänzt sie bestenfalls.