Wenn Kund*innen ghosten

Ich gestehe, dass ich ghoste. So bezeichnet man auf neudeutsch, wenn Menschen einfach aus dem Leben von anderen verschwinden. Ohne Erklärung sich also einfach nicht mehr melden. Warum ich das mache: Weil ich oft keine Lust auf eine Diskussion habe. Weil meine Gründe den oder die andere*n möglicherweise noch mehr verletzten würden, als wenn ich mich einfach nicht mehr melde. Weil es manchmal einfach keine Gründe gibt, sondern das Leben seinen Gang geht. Letzteres ist sogar der häufigste Grund, wenn ich mich für andere unverständlich nicht mehr melde. Jetzt habe ich festgestellt, dass auch Kund*innen ghosten.

Weniger Einnahmen führen zu weniger Aufträgen

Ich bemerke das ohne Bitterkeit, ohne Ärger, eher mit einem leichten Schmunzeln. Und wenn ich ganz ehrlich zu mir selbst bin, dann kann ich mir die Gründe auch denken, ohne dass ich deswegen eine lange Diskussion führen müsste. Interessant daran ist, dass es sich hauptsächlich um neue Kund*innen handelt. Was manchmal ärgerlich ist, ist, dass ich mich in eine neue Materie eingearbeitet habe. Aber ich sehe das so: Wissen, das man sich erarbeitet hat, schadet nie. Und das kann einem auch niemand mehr nehmen, selbst wenn keine Aufträge mehr folgen. Hier eine kurze Übersicht der ghostenden Kund*innen aus den vergangenen Monaten:

2021 hatte ich mich in das Thema Krypotwährungen eingearbeitet. Ich habe einige Artikel im mittleren vierstelligen Honorarbereich an einen neuen Kunden verkauft. Zum Jahreswechsel schrieb er mir, dass er seine Plattform jetzt erst einmal monetarisieren müsste, bevor er weitere Texte einkauft. Was dann passierte, ist Geschichte: Kryptowährungen sind abgestürzt. Entsprechend schwierig dürfte die Finanzierung der Plattform geworden sein. Und dementsprechend habe ich total Verständnis dafür, dass aus dieser Ecke keine Aufträge mehr kommen.

Kund*innen ghosten, wenn die Reisekosten zu hoch sind

Wenn Kund*innen ghosten

Mindestens genau so intensiv habe ich mich in das Thema “Fake News erkennen” eingearbeitet. Im Frühsommer 2022 sah es so aus, dass ich für eine Kundin im Osten zu diesem Thema viele, sehr viele Seminare hätte geben sollen. Die Finanzierung sei für zwei Jahre gesichert, hieß es. Letztlich hatte ich genau drei sehr nervaufreibende, aber gute Seminare. Trotz positivem Feedback von allen Seiten und der Ankündigung neuer Termine gab es keine neuen Aufträge.

Ich gehe davon aus, dass eine Trainerin aus dem Westen einfach zu teuer ist. Wenn ich von Köln aus Richtung Osten aufbreche, kostet die Zugfahrt trotz BC50 und 2. Klasse mindestens um die 150 Euro hin und zurück. Hinzu kommen die Übernachtungskosten. Bei drei Tagen sind das vier Nächte, denn ich kann nicht erst am Seminartagmorgen losfahren. Und selbst die Übernachtung in einem sehr einfachen Hotel und sogar ohne Frühstück lag in diesem Fall bei 75 Euro pro Nacht, also 300 Euro. Entsprechend kommen bei meiner Beauftragung auf das Honorar gut 500 Euro dazu, das muss man sich leisten können und wollen.

Kund*innen ghosten auch im Content Marketing

Eine Kundin aus dem Content Marketing war über viele Jahre ein stabiler Faktor. Die Aufträge waren zwar nicht besonders gut bezahlt, aber der Name war gut, und es kamen regelmäßig Aufträge. Auf die Corona-Pandemie folgten jedoch gerissene Lieferketten, Inflation, Ukraine-Krieg – und das geht immer zunächst einmal zulasten von PR und entsprechend auch zur Beauftragung externer Autor*innen. So erkläre ich mir auch, warum ich von einer neuen Kund*in nach dem positiv verlaufenen Kennenlerngespräch per Video nie mehr gehört habe. Erst haben wir über Wochen und zwischen ihrem Urlaub und meinen Seminaren und Konferenzen versucht, einen Telefontermin zu finden. Dann hatten wir ihn schließlich, aber der Auftrag war schon weg. Und dann kam es im Herbst wohl nicht zu der Beauftragung durch den Kunden, den sie mir in Aussicht gestellt hatte. Denn ich habe nichts mehr von ihr gehört.

Eine andere stetige Kundin hatte eine ausgesprochen schöne Anfrage für mich. Diese Sache soll ab 2023 laufen. Sie wollte einen Themenplan von mir und mir dann in der Woche darauf Antwort geben. Zwei Wochen später vertröstete sie mich erneut. Und auf meine Rückfrage kam keine Antwort mehr. In diesem Fall denke ich: Kann ja auch mal ganz anders sein. Vielleicht hatte die Ansprechpartnerin beispielsweise eine nicht milde verlaufende Covid-Erkrankung? So oder so: Auch dann ist man als Freie schnell draußen, ohne den eigentlichen Grund zu kennen.

Egal, welcher Grund dahinter steckt, dass sich Kund*innen plötzlich nicht mehr melden: Letztlich machen auch viele kleine Aufträge den Quark fett. Brechen alle gleichzeitig weg, bleibt nicht mehr viel übrig. Darum freue ich mich aktuell über jede ernstgemeinte Anfrage. Ob was daraus wird, muss man ausprobieren. Wenn’s nicht klappt, kann man ja ghosten. Als Auftraggeber – oder als Auftragnehmerin.

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