„Jetzt kann jeder alles – und das in toller Qualität.“ Das höre ich im Zusammenhang mit Künstlicher Intelligenz derzeit oft. KI macht Werkzeuge für Recherche, Gestaltung und Textproduktion leichter zugänglich. Aber leichterer Zugang ist noch keine Demokratisierung durch KI. Wenn damit gemeint ist, dass alle Menschen diese Möglichkeiten nutzen und ihre Ergebnisse beurteilen können, bezweifle ich das. Genau zwischen Verfügbarkeit und Urteilsfähigkeit liegt nämlich für mich das Problem.
Déjà-vu: Bei Social Media haben wir auch an eine Demokratisierung geglaubt
Bist du alt genug, um dich an die späten 2000er Jahre zu erinnern? Damals hieß es: Jetzt kann jeder über Blogs und kommerzielle soziale Plattformen publizieren. Endlich keine Gatekeeper mehr, keine Redaktionen, die darüber entscheiden, was die Welt erfährt. Jetzt kommt durch die Weisheit der Vielen, durch das Wissen der Massen endlich die Wahrheit ans Licht.
Was dabei herauskam, erleben wir aktuell täglich: wahnsinnig viel Desinformation, die eine Gesellschaft gründlich durcheinanderbringt – eine Gesellschaft, die offensichtlich weder Medien- noch Digitalbildung abbekommen hat. Das Megafon haben zwar alle in der Hand. Aber wie man bei den Inhalten erkennt, was polarisierend, populistisch, Desinformation, ein Narrativ oder Lüge ist, das wissen offensichtlich nur wenige.
Auf diese Gesellschaft trifft jetzt KI. Gleiches Versprechen, nur lauter, schneller, toller: Jeder kann texten, gestalten, programmieren, recherchieren. Nee, so einfach wird’s eben nicht gehen.
1. KI wollen gar nicht alle
In meinem eigenen Umfeld erlebe ich, dass viele Menschen schlicht kein Interesse am Thema haben. Mal einen Text schreiben lassen, vielleicht ein Bild generieren – okay, nettes Spielzeug. Aber mehr nicht. Und Grundlagenkompetenz schon gar nicht. Das ist erstens langweilig, zweitens braucht man das nicht, weil die Tools ja so einfach zu bedienen sind.
Aber: Wer das Werkzeug nicht versteht, kann auch sein Ergebnis nicht beurteilen. Die halluzinierte Quellenangabe? Wird übernommen. Die erfundene Statistik? Steht jetzt in der Präsentation. Die Antwort klang schließlich überzeugend. Damit landen wir exakt wieder bei der Demokratisierung durch die kommerziellen sozialen Plattformen: viel Output, wenig Urteilsfähigkeit.
2. KI können eben doch nicht alle
Seit ungefähr der Jahrtausendwende steht in jedem Haushalt und auf jedem Schreibtisch ein Computer. Sechsundzwanzig Jahre Gelegenheit, sich mit dem Gerät zu beschäftigen, das unsere gesamte Arbeits- und Lebenswelt trägt. Sechsundzwanzig. Jahre.
Trotzdem zeigt mein Seminaralltag:
- Menschen wissen nicht, wo man eine URL eingibt.
- Die WLAN-Frage überfordert.
- Der Unterschied zwischen Browser und Suchmaschine bleibt ein Mysterium.
- Einen Screenshot machen? Wie geht das denn?
Und diese Menschen wollen jetzt KI nutzen. Ich gönne jedem die Technik. Aber wenn schon die Bedienung des Computers Schwierigkeiten macht, ist die Prüfung einer KI-Antwort eine zusätzliche Hürde: Woher kommt eine KI-Antwort? Ist sie wahr? Der Kreis schließt sich.
3. Viele wissen nicht, was sie von KI wollen
Und dann die Prompt-Frage. Viele verstehen nicht, wie man einen Prompt schreibt. Das überrascht mich jedes Mal, denn das Prinzip ist simpel: Beschreibe deine Situation. Beschreibe dein Ziel. Frage, wie du es erreichst. In meinen Kursen gebe ich meinen Teilnehmer*innen mit, dass sie immer eingeben können:
Wie kannst du mich unterstützen bei xyz? Stelle mir Fragen, um meine Aufgabe so gut wie möglich beantworten zu können.
Wer das einmal verstanden hat, der gehört zu denen, die durch KI fliegen lernen.
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Mein Fazit zum Thema Demokratisierung durch KI
Wir haben seit der Einführung des Internets so viele Informationen wie noch nie eine Gesellschaft vor uns. Das hat die Gesellschaft aber leider nicht klüger gemacht. Jetzt haben wir eine Technologie, mit der wir sehr viele Dinge umsetzen können, die wir früher gar nicht oder nur begrenzt oder in schlechterer Qualität umsetzen konnten. Ich glaube aber nicht, dass das die gesamte Gesellschaft auf ein höheres Niveau bringt.
Letztendlich skaliert die Qualität von KI-Output mit der Urteilsfähigkeit. Urteilsfähigkeit braucht aber Grundlagen, Medien- und Digitalbildung und die Bereitschaft, sich mit einer neuen Technologie auseinanderzusetzen. KI-Antworten scheinen jedoch so gut zu sein, dass man meint, genau diese Bildung nicht mehr zu benötigen. Was tatsächlich steigt, ist so die Menge an glattem, plausiblem, ungeprüftem Content. Produziert von Menschen, die das Werkzeug bedienen, aber nicht die Risiken kennen. Wir bekommen also keine Gesellschaft auf höherem Niveau. Wir behalten die alte Gesellschaft – mit mehr schlechtem Output und vielleicht besserer Rechtschreibung. Mit Demokratisierung durch KI hat das leider wenig zu tun.
Klingt zynisch? Ist es vielleicht. Aber die letzte digitale Demokratisierungsrunde hat uns Telegram-Gruppen beschert. Meine Portion Skepsis ist mein Lerneffekt daraus.
P.S.: Das bedeutet natürlich nicht, dass es sehr viele Menschen gibt, die mit KI großartige Dinge schaffen und erreichen, die bisher für sie undenkbar waren. Aber die Maße ist das nicht.
